Beitrag vom 21.11.2025

Zwischen Industriebetrieb und Universität


Teaser

Dirk Reifenberg, Geschäftsführer von ISTAT im Interview

Das Interview führte Gabriele Hennemuth

 

Wie würdest du das Institut für angewandte Statistik in drei Sätzen vorstellen?

Wir sind wie ein großer Filter: Oben werden
chaotisch geordnete Datenmengen hineingeworfen und unten kommen hübsche, gut verständliche Analysen heraus. Dabei ist die robuste und fehlerfreie Massenproduktion maßgeschneiderter Analysen unser Hauptgeschäft.


Das klingt sehr abstrakt. Du hast mir mal erzählt, dass eure Gründung untypisch verlaufen ist. Kannst du uns sagen, warum?

Wir hatten zum Beispiel keine wirkliche Geschäftsidee. Heißt: Zuerst wurde gegrün-det und erst im Anschluss entwickelten wir eine Vision, was ISTAT einmal werden soll.


Wie kann man etwas gründen, von dem man nicht weiß, was es ist?

Das ist eine sehr gute Frage (lacht). Die Gründer waren zuvor alle am International Centre for Higher Education Research (INCHER) der Universität Kassel beschäftigt. Das Kooperationsprojekt Absolventenstudien (KOAB) lief bereits seit 2008. Zum Zeitpunkt der Ausgründung nahmen etwa 50 Hochschulen in Deutschland und Österreich jährlich an diesem Projekt teil und finanzierten es durch ihren jeweiligen Beitrag. Davon wurden unsere Gehälter bezahlt – vor der Gründung und auch danach.


Also eine Gründung auf dem Silbertablett? Ihr musstet keinen Businessplan schreiben, sondern wart aus dem Stand heraus ein fertiges Unternehmen?

Ein Projekt macht noch keinen Betrieb. Wir hatten das Glück, dass die kooperierenden Hochschulen sehr bereitwillig zu Kunden wurden. Aber: Der Kostendruck war sofort enorm hoch. Mit einem Mal fielen Umsatzsteuer, Raumkosten, Kosten für Server etc. an. All diese Aufwände hatten wir an der Universität nicht. Und wir wollten diese Kosten nicht an die Kunden weitergeben. Nach der Ausgründung standen uns sehr viel weniger Mittel und damit leider auch viel weniger Personal für einen höheren Arbeitsaufwand zur Verfügung.


Dann war es doch der typische Weg über die harte Arbeit zum Unternehmer?

Definitiv. Als meine zweite Tochter zur Welt kam, bin ich mit dem Laptop zum Geburtshaus gefahren. Mein Gedanke: Die zweite Geburt ist meist weniger kompliziert und dauert nicht so lange. Da finde ich vielleicht noch die ein oder andere Minute zum Arbeiten. Wenn ich heute daran denke, weiß ich nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Aber es waren eben sehr viele Dinge zu tun. Vor allem musste der Betrieb aus dem Projektcharakter heraus und eine langfristige Vision gefunden werden, die alle im Gründerteam mittragen konnten.


Wenn ihr keine gemeinsame Vision hattet, wie konntet ihr euch dann überhaupt einig sein?

Eigentlich gar nicht. Es gab wirklich viel Streit in der Anfangszeit. Ich habe zum Beispiel länger in der Industrie gearbeitet
und habe die Neigung alles als eine Art Fabrik zu sehen. Wenn eine Organisation
in meiner Vorstellung entsteht, spielen eigenständige Abteilungen und Fertigungsstraßen eine Rolle. Andere im Gründerteam hatten bis dato ausschließlich an der Universität gearbeitet. Da ist das Modell eher die Expertenorganisation: Ein paar geniale Köpfe um die sich eine Schar von Hilfskräften gruppiert. Diese mentalen Modelle regieren uns stärker, als wir es glauben mögen.


Nun ist ISTAT weder ein Industriebetrieb noch eine Universität geworden, nehme ich an?

Heute würde ich sagen, dass wir ein wenig von beidem sind. Wir brauchen notwendigerweise die Expertinnen und Experten mit dem tiefgehenden Fachwissen. Wir brauchen aber auch die sichere technische und organisatorische Infrastruktur mit der wir Jahr für Jahr mehr als 6.000 individualisierte Reports erzeugen.


Hat sich ISTAT seit der Gründung weiterentwickelt?

Sehr. Aufgrund des Kostendrucks und der damit einhergehenden Personalsituation waren wir zum Wachstum verdammt.
Wir sind unserer Nische zwar treu geblieben aber auch ein gutes Stück über sie hinausgewachsen. Die Größe des KOAB-Projekts konnten wir in etwa verdoppeln, also ein Wachstum von 100 Prozent hin-legen. Daneben haben wir Komplementärprodukte aufgebaut, wie etwa die Report-Factory oder das Hochschulbildungsmonitoring für Landesministerien. In diesem Jahr wird es bereits den zweiten Bericht für das Land Hessen dazu geben, was aus den hessischen Hochschulabsolventinnen und -absolventen wird.


Was möchte das Land Hessen dazu von euch wissen?

Zum Beispiel, wie viele Menschen aus anderen Bundesländern für das Studium nach Hessen kommen und nach dem Studienabschluss auch in Hessen berufstätig werden. Oder wie das hessische Hochschulsystem mit Heterogenität umgeht und wie es um die Bildungsgerechtigkeit bestellt ist. Ein Thema wird dich vielleicht besonders interessieren: der regionale Verbleib von Hochschulabsolventinnen und -absolventen, die im Anschluss an ihr Studium ein Unternehmen gründen.


Die hessischen Gründerinnen und Gründer finden sich hauptsächlich in Kassel im Science Park nehme ich an?

Genaueres dazu kann ich in zwei Monaten berichten. Bis dahin werde ich mich wohl in einen abgedunkelten, klimatisierten Raum voller Rechner und Bildschirme zurückziehen müssen.


Weitere Informationen unter: istat.de