Beitrag vom 25.07.2025

Mit KI und Weitblick die Energiewende vorantreiben


Teaser

Dr. Schulze-Lauen, Geschäftsführer der enercast GmbH, im Interview

Das Interview führte Gabriele Hennemuth

 

Henning Schulze-Lauen ist promovierter Maschinenbau-Ingenieur und war in führender Position bei Technologie- und Softwareunternehmen in Deutschland, Korea und den USA tätig. Seit 2017 ist er Geschäftsführer von enercast.

 

Können Sie uns kurz etwas zur Entstehung und zum Geschäftsmodell von enercast sagen? Mit welcher Idee ist enercast gestartet und wie hat sich das Unternehmen weiterentwickelt?

Das Unternehmen entstand 2011 aus einem Forschungsprojekt heraus. Es war das Jahr des Fukushima-Nuklearunfalls und der Entscheidung über den Atomausstieg in Deutschland. Damit stellte sich die Frage, wie man künftig große Mengen Wind- und Solarenergie trotz wetterabhängiger Schwankungen für eine stabile und zuverlässige Stromversorgung nutzbar machen und die Anlagen wirtschaftlich betreiben könnte.

Damit das Stromnetz stabil bleibt, muss zu jeder Zeit genauso viel erzeugter Strom eingespeist werden, wie verbraucht wird. Bei konventionellen Kraftwerken kann man dies durch Herauf- und Herunterregeln der Produktion erreichen. Doch wenn die Sonne plötzlich hinter Wolken verschwindet, kann man nichts mehr regeln. Deshalb braucht man genaue Prognosen, damit man rechtzeitig gegensteuern kann. Den Gründern von enercast war schnell klar, dass diese komplexe Aufgabe nur mit Mitteln der künstlichen Intelligenz und des maschinellen Lernens zu lösen sei – was bis heute Kern der Mission von enercast ist.

Heute nutzen unsere Firmenkunden weltweit enercast zur Erstellung präziser Prognosen der Stromerzeugung von Wind- und Solaranlagen mit rund 240 Gigawatt installierter Leistung. Damit ermöglichen wir die Einbindung erneuerbarer Energie in Stromnetze und Energiemärkte. Unser Geschäftsmodell ist dabei 100% Software as a Service. Das heißt, die Kunden erwerben bei uns keine Software, sondern sie nutzen gegen Zahlung einer jährlichen Gebühr die sehr leistungsfähige Software und Hardware, die wir in mehreren Rechenzentren in Europa betreiben.

 

Welche innovativen Technologien oder Lösungen bietet enercast an? Wie unterscheiden Sie sich von anderen Akteuren am Markt?

Die Stromerzeugungsprognosen von enercast basieren auf Methoden des maschinellen Lernens. Dabei analysiert die Software die Zusammenhänge von historischen Wetterbedingungen, Anlagenkonfigurationen und Stromproduktion. Diese Daten werden dann mit mehreren Wettermodellen durch unsere Algorithmen zu einer Prognose verknüpft. So können wir die Stromerzeugung konkret für die einzelne Wind- oder PV-Anlage in den nächsten 15 Minuten, Stunden, Tagen oder Wochen vorhersagen.

Neben einer hohen Prognosegüte setzt enercast vor allem darauf, die Kunden optimal bei der Einbindung der Prognosen in die eigenen Geschäftsprozesse zu unterstützen. Die Bandbreite reicht von Großkonzernen, die eigene Teams nur für das Thema Stromerzeugungsprognose beschäftigen, bis zu kleinen Stadtwerken, die sich exklusiv auf unsere Expertise verlassen.

Darüber hinaus sind auch unsere kontinuierlich weiterentwickelten Werkzeuge für das Datenmanagement, historische Simulationen, die Beurteilung von Prognoserisiken und die Bewertung bestehender Erzeugungsanlagen von wachsender Bedeutung für viele unserer Kunden.

 

Welche wichtigen Meilensteine hat Ihr Unternehmen seit der Gründung erreicht? Welche dieser Erfolge würden Sie als Wendepunkte für Ihr Unternehmen beschreiben?

enercast ist ja kein ganz junges Unternehmen mehr. Insofern kann man sagen, der wichtigste Meilenstein ist, dass wir aus einer innovativen Idee ein profitables Unternehmen gebaut haben. Mit unserem kleinen Team sind wir auf dem Weltmarkt einer von vielleicht einer Handvoll führender Anbieter solcher Prognosen, die ein kritischer Baustein für die Energiewende sind. Ein entscheidender Wendepunkt war das Release des enercast Portals im Jahre 2018. Damit hat enercast den Übergang von einem Start-up mit brillanter Technologie zu einem profitablen Unternehmen mit einem skalierbaren Produktangebot geschafft.

Ein Beispiel: Vor der Einführung des enercast Portals musste die Einrichtung jeder Prognose, jeder neuen Anlage von unserem Support durchgeführt werden – eine sehr arbeitsintensive Tätigkeit mit vielen Stolperfallen z. B. in der Kundenkommunikation. Mit Hilfe des enercast Portals bekam der Kunde erstmals selbst Zugriff auf seine Anlagen und die volle Kontrolle über seine Prognosen. Auch für unser eigenes Team wurden plötzlich viele Abläufe erleichtert und dramatisch beschleunigt. Was im Nachhinein einfach und logisch klingt, war damals ein Paradigmenwechsel, der auch mit Schmerzen und personellen Veränderungen verbunden war. Heute sind wir sehr froh, dass wir den Mut dazu hatten – und ein Team, das diesen Weg mitgegangen ist.

 

Welche Unterstützungen oder Förderungen hat enercast in der Frühphase erhalten? Wie wichtig sind staatliche oder private Förderprogramme für Start-ups in der Energiebranche?

enercast hatte mit der damaligen Innogy Venture Capital und dem High-Tech Gründerfonds zwei wichtige Investoren, ohne die dieser Weg sicher nicht gelungen wäre. Wir haben auch öffentliche Forschungsmittel genutzt, gerade in Kooperation mit der Universität Kassel und dem Fraunhofer IEE. Kassel ist heute im Bereich der erneuerbaren Energien einer der herausragenden Standorte in Deutschland. Insoweit profitieren wir auch von den Rahmenbedingungen im Science Park Kassel und der räumlichen Nähe zur Universität, die eine der wichtigsten Quellen für unsere hochqualifizierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist.

 

Mit welchen spezifischen Herausforderungen sehen Sie sich als Unternehmen in der Energiebranche konfrontiert?

Ein fundamentales Thema für uns ist die Verfügbarkeit hochqualitativer Daten in der Energiebrache, z. B. Echtzeit-Messdaten der Stromerzeugung der einzelnen Anlagen. Das ist von Land zu Land sehr unterschiedlich. Dass solche Daten ein genauso wichtiger Baustein für die robuste Nutzung erneuerbarer Energien sind wie etwa der Ausbau der Stromnetze, ist noch nicht überall präsent, auch nicht in der Politik.

 

Welche langfristigen Ziele haben Sie für enercast? Gibt es neue Märkte oder Technologien, die Sie in der Zukunft erschließen möchten?

Zunächst einmal haben wir das Glück, mit den erneuerbaren Energien einen Markt zu bedienen, der noch über viele Jahre massiv wachsen wird. Das größte Wachstum wird allerdings im kleinteiligen Bereich erwartet, also vor allem PV-Aufdachanlagen. Damit ändert sich auch, wie Produktion und Verbrauch gemanagt und vermarktet werden. Im kommenden dezentralen Energiesystem ist deshalb unser Ziel, dass die enercast-Plattform den digitalen Akteuren, wie etwa Steuergeräten für private PV-Anlagen oder Smart-Home-Anwendungen, die Intelligenz verleiht, die zur vorausschauenden Nutzung begrenzter Ressourcen nötig ist.

 

Worauf sind Sie besonders stolz?

Neben dem, was wir als Unternehmen erreicht haben, bin ich besonders stolz auf unser internationales Team, das diesen Erfolg ermöglicht. Wir haben unseren Umsatz bei unveränderter Teamgröße bald verdoppelt. Das ist allen voran ein Maß für die Einsatzbereitschaft, mit der sich alle persönlich wie fachlich gegenseitig unterstützen, um gemeinsam immer besser zu werden. Es ist wirklich ein Privileg, mit einem solchen Team zu arbeiten.

 

Mehr Informationen: enercast.de