Beitrag vom 04.09.2025

Gemeinsam für eine nachhaltige Zukunft


Teaser

Die Gärtnerei Fuldaaue

von Corinna Kondermann und Timo Wilmesmeier

 

Wie können landwirtschaftliche Betriebe und Verbraucherinnen und Verbraucher enger zusammenarbeiten, um regionale Wertschöpfung und ökologische Verantwortung zu stärken? Wie können wir die Landwirtschaft nachhaltiger gestalten?

Diese Fragen stellten sich Timo Wilmesmeier (links) und Thomas Eickel (rechts) bereits während ihres Studiums der Ökologischen Agrarwissenschaften in Witzenhausen – und fanden ihre Antwort in der Solidarischen Landwirtschaft (Solawi). Heute versorgt ihre Gärtnerei Fuldaaue in Kassel wöchentlich zahlreiche Haushalte mit frischem Bio-Gemüse und zeigt, wie eine gemeinschaftsgetragene Landwirtschaft funktionieren kann.

 

Vom Studium zur eigenen Gärtnerei

Während ihres Studiums setzten sich die beiden Gründer intensiv mit landwirtschaftlichen Produktionsmechanismen auseinander und stießen dabei auf das Prinzip der Community Supported Agriculture (CSA). Diese Wirtschaftsform bringt die Betriebe und Verbraucherinnen und Verbraucher direkt zusammen: Sie teilen sich Verantwortung, Erträge – aber auch Risiken. Statt an Märkte und Handelsstrukturen gebunden zu sein, entsteht ein direkter, transparenter Wirtschaftskreislauf.

Nach dem Studium sammelten Timo Wilmesmeier und Thomas Eickelwertvolle Berufserfahrung in verschiedenen landwirtschaftlichen Bereichen, darunter ökologische Saatgutvermehrung und Soziale Landwirtschaft. Doch der Wunsch, einen eigenen Betrieb aufzubauen, ließ sie nicht los.

 

Die Gründung: Ein mutiger Schritt in eine nachhaltige Zukunft

Im Sommer 2019 ergab sich eine einmalige Gelegenheit: Die Gärtnerei Metz suchte eine Nachfolge für ihre Flächen. Nach intensiven Gesprächen mit der Eigentümerfamilie entschlossen sich Wilmesmeier und Eickel, die Herausforderung anzunehmen. Ende 2019 gründeten sie eine GbR, unterzeichneten den Pachtvertrag und stellten den Betrieb konsequent auf ökologische Landwirtschaft um.

Die Vision war klar: eine gemeinschaftsgetragene Gärtnerei, die hochwertige Lebensmittel produziert, aber auch einen sozialen und ökologischen Wandel anstößt.

 

Die ersten Jahre: Herausforderungen und Wachstum

Mit einem soliden Business-Plan, Unterstützung durch die IHK und einem bewilligten Gründungszuschuss konnten die Gründer in den ersten Jahren gezielt in Infrastruktur und Betriebsmittel investieren – ganz ohne Fremdkapital.

Doch der Start war alles andere als einfach. Neben der körperlichen und organisatorischen Arbeit in der Landwirtschaft mussten sie sich mit Bio-Zertifizierungen, Anbauplanung und betriebswirtschaftlichen Fragen auseinandersetzen. Und dann kam Corona: Freiwillige Helfende mussten koordiniert, Hygienekonzepte entwickelt und neue Prozesse geschaffen werden.

Trotz aller Herausforderungen konnte die Gärtnerei wachsen: 2021 wurden die ersten Mitarbeitenden fest angestellt. Die Solawi-Struktur erwies sich als belastbar, da Mitglieder unabhängig von Marktschwankungen für eine stabile Finanzierung sorgten.

 

Heute: Ein Modell für zukunftsfähige Landwirtschaft

Mittlerweile versorgt die Gärtnerei Fuldaaue wöchentlich 180 Haushalte mit frischem Bio-Gemüse. Die Mitglieder holen ihre Anteile in zwölf Depots in Kassel ab, wodurch ein enger Bezug zur städtischen Gemeinschaft entsteht. Ein besonderes Anliegen ist den Gründern die Ausbildung junger Menschen: Drei Auszubildende werden derzeit zu staatlich geprüften Gemüsegärtnerinnen und Gemüsegärtnern ausgebildet. Zudem arbeitet das Team mit flachen Hierarchien, sodass alle Mitarbeitenden klare Verantwortungsbereiche haben.

„Wir haben als Gründer heute eher eine unterstützende Funktion, kümmern uns um Marketing, Planung und Strategie, während das operative Geschäft auf viele Schultern verteilt ist“, erklärt Wilmesmeier.

 

Von CSA zu CSX*: Die Zukunft gemeinschaftsgetragener Wirtschaftsformen

Das Modell der Solidarischen Landwirtschaft bleibt nicht auf den Agrarsektor beschränkt. Aus CSA wird CSX – die Idee, gemeinschaftsgetragene Wirtschaftsformen auch auf andere Bereiche auszudehnen.

Das Prinzip ist einfach: Die produzierenden Betriebe und die Verbraucherinnen und Verbraucher schließen sich zu einer Solidargemeinschaft zusammen. Anstatt über den Markt zu agieren, finanzieren Mitglieder die Produktion direkt im Voraus. Das reduziert Kosten für Logistik und Marketing, stärkt regionale Kreisläufe und fördert soziale Verantwortung.

In Kassel gibt es großes Potenzial für weitere CSX-Initiativen. „Mit über 200.000 Einwohnerinnen und Einwohnern bietet die Stadt viele Möglichkeiten für gemeinschaftsgetragene Betriebe. Wir sind überzeugt, dass sich dieses Modell auf viele andere Bereiche ausweiten lässt“, so Eickel.

 

Ausblick: Kooperation und Vernetzung als Schlüssel zum Erfolg

Die Gärtnerei Fuldaaue hat eine solide Betriebsgröße erreicht und muss nicht zwingend weiterwachsen. Doch die Idee geht weiter: Die Gründer setzen auf Vernetzung und Kooperation mit anderen nachhaltigen Initiativen.

„Langfristig wollen wir ein CSX-Netzwerk aufbauen, das verschiedene gemeinschaftsgetragene Projekte miteinander verbindet“, erklärt Wilmesmeier. „Ob nachhaltige Energieversorgung, Handwerk oder Bildung – es gibt viele Möglichkeiten, wie sich unser Ansatz auf andere Branchen übertragen lässt.“

 

Ein Vorbild für nachhaltige Wirtschaftsmodelle

Die Gärtnerei Fuldaaue zeigt eindrucksvoll, wie eine alternative Landwirtschaft aussehen kann: ökologisch, gemeinschaftlich und wirtschaftlich tragfähig. Mit der Vision, CSX weiterzuentwickeln, könnte dieses Modell zu einem Leitbild für viele andere Branchen werden.

Für Kassel und darüber hinaus ist das ein bedeutender Schritt in Richtung einer nachhaltigeren Zukunft.

 

*CSA = Community Supported Agriculture,
CSX = (Community Supported) mit der Variablen X, die für mögliche Bereiche der Anwendung steht

 

Mehr Informationen: gaertnerei-fuldaaue.de