Gespräch mit Serial Entrepreneurin Anna Kaiser
Die Fragen stellte Gabriele Hennemuth
Die Gründerin Anna Kaiser ist Wiederholungstäterin. Ihr erstes Startup gründete sie im Studium. Dann baute sie ein Unternehmen für HR-Software auf und es gelang der Exit. Mit WHERA möchte sie jetzt frauengeführte Unternehmen sichtbar machen. Und zugleich den „financial gender gap“ verkleinern.
Sie sind seit über 15 Jahren im Startup- Bereich. Was war der entscheidende Moment, in dem Sie sich entschlossen haben, zu gründen?
Herrjeh, wenn ich nachrechne, merke ich, dass es schon über 20 Jahre sind. Denn ich habe mein erstes Startup nebenher im Studium gegründet. Ich hatte in einem Outdoor-Laden gejobbt und gesehen, wie hoch die Gewinnspannen in dem Segment sind. Da habe ich mir dann Geld bei meinen Eltern geliehen und einen kleinen Online-Handel für Wintersportkleidung aufgebaut. Einen Aha-Moment gab es eigentlich nicht, eher eine innere Haltung. Ich habe damals zwar Lehramt studiert aber in mir immer gespürt: Eigentlich bin ich Unternehmerin. Ich bin dann ja auch keine Lehrerin geworden, sondern habe schon vor dem Staatsexamen einfach im Startup-Spirit private Schulen mitgegründet.
Wie hat Ihr Umfeld reagiert, als Sie Ihr erstes Startup gründen wollten?
Bei mir sind zumindest nur die positiven Rückmeldungen angekommen (lacht). Aus meiner Familie, von meinen Eltern und Brüdern kam nur echte Unterstützung. Auch bei jeder weiteren Gründung konnte ich sie immer mit meiner Begeisterung anstecken. Vermutlich gab es auch Leute, die dachten: Das packt die eh nicht. Mir gegenüber offen gesagt haben die das aber nicht. Und wenn, dann hätte es mich eher angespornt im Sinne von: Denen zeige ich es. In der Gründungsphase ist dann konstruktive Kritik natürlich immer willkommen.
Aktuell bauen Sie ein neues Unternehmen auf. Was ist die Idee hinter WHERA?
Wir bauen eine Plattform auf, die Unternehmen sichtbar macht, die Frauen gehören oder von Frauen geführt werden. Frauen treffen 80 Prozent aller alltäglichen Kaufentscheidungen. Von dieser gigantischen Kaufkraft profitieren Frauen aber kaum.
„Wenn du eine gute Idee hast, komm einfach ins Machen. Was hast du zu verlieren?“
Es gibt Millionen von Unternehmen in Frauenhand und „women owned businesses“ ist der am schnellsten wachsende Gründungssektor weltweit. Und trotzdem: keine Sichtbarkeit, kein System, das Kundinnen zu ihnen führt, kein finanzieller Vorteil für die Käuferinnen. WHERA verbindet beides. Wir bauen die erste Datenbank frauengeführter Unternehmen weltweit auf und zugleich ein Netzwerk, das aus einzelnen Käuferinnen eine Bewegung macht. Wenn eine Frau über WHERA einkauft, bekommt sie einen Rabatt oder Cashback. Den kann sie im zweiten Schritt übrigens auch automatisch in den eigenen Vermögensaufbau investieren, z.B. in einen ETF-Sparplan. Wir nennen das den Spend-to-Invest-Loop. Damit bietet WHERA zusätzlich einen einfachen Einstieg in die Altersvorsorge. Darum kümmern wir Frauen uns ja leider auch noch nicht ausreichend, wie alle Studien zu dem Thema belegen. Männer dürfen und sollen übrigens auch mitmachen.
Wenn Sie heute auf Ihren unternehmerischen Weg zurückblicken: Was wäre Ihr wichtigster Tipp für eine Frau, die gerade im Studium überlegt, ihr erstes Unternehmen zu gründen?
Ich hätte drei Tipps:
Wenn du eine gute Idee hast, komm einfach ins Machen. Was hast du zu verlieren? Als junge Gründerin kannst du nur gewinnen. Entweder du hast Erfolg mit dem Startup, dann ist ja eh alles super oder du gewinnst an Erfahrung, die dir später in jeder beruflichen Rolle nutzen wird.
Zweitens ist es heute dank KI viel einfacher zu gründen. Auch bei WHERA lagern wir heute jede Menge Tätigkeiten an KI-Tools aus, die uns noch vor wenigen Jahren Wochen und Monate beschäftigt hätten. Wir leben in einer Zeit des technologischen Umbruchs. Das schafft große Chancen für eine neue Generation von Startups. Zudem: Wer sich heute für einen klassischen Karrierepfad entscheidet, weiß ja nie, ob es den Beruf oder die Tätigkeit morgen noch gibt. Als Gründerin gestaltest du die Zukunft selbst mit. Wir verbinden Unternehmertum immer mit Risiko. Vielleicht ist es heute beruflich auch die sicherere Alternative. Und es gibt übrigens in Deutschland tolle Förderprogramme. Gerade, wenn du aus dem Studium heraus gründen möchtest.
Und der dritte Tipp?
Jede Gründerin muss sich bewusst sein: Work-Life-Balance und gründen passen nicht so gut zusammen, zumindest nicht in den ersten Jahren. Erfolg braucht Fokus und Ausdauer. Und manchmal denke ich: Das ist ja nicht mal nur ein Marathon, sondern ein Endlosrennen. Objektiv stimmt das natürlich nicht. Wenn ein Exit gelingt, und damit oft die finanzielle Unabhängigkeit, dann habe ich ja die freie Entscheidung, ob ich wieder losrennen möchte. Und wenn ein Unternehmen stabil gut läuft, kann ich mir als Gründerin natürlich auch selbst Freiräume schaffen, auch für Kinder und Familie. Doch hier noch eine Warnung: Gründen macht süchtig. Ich kenne kaum Gründerinnen, die es nach einem Exit nicht bald wieder in den Füßen kribbelt. Und die dann schneller wieder loslaufen, als sie ursprünglich geplant haben. So ging es mir bei WHERA auch.
„Finanzielle Ermächtigung von Frauen ist, das zeigen alle Studien überall auf der Welt, gut für alle.“
Warum ist es für die Zukunft entscheidend, dass mehr Frauen ihre eigenen Startups gründen?
Zunächst die gute Nachricht: Die Anzahl an Gründerinnen wächst kontinuierlich. Und dennoch hat noch kein Land der Welt eine wirtschaftliche und finanzielle Gleichstellung von Frauen erreicht, nicht einmal die skandinavischen. Das ist natürlich auch eine Gerechtigkeitsfrage, aber viel mehr als das. Finanzielle Ermächtigung von Frauen ist, das zeigen alle Studien überall auf der Welt, gut für alle. Für Kinder, für Familien, für die Volkswirtschaft. Und damit auch für Männer. Wenn Frauen Unternehmen gründen, ist das einer der stärksten Hebel, um die wirtschaftliche Lücke zwischen Männer und Frauen zu schließen. Mit WHERA bearbeiten wir dieses Problem von zwei Seiten: Wir stärken Unternehmen in Frauenhand. Und wir helfen Kundinnen dabei, finanziell unabhängiger zu werden.
Was sind die größten Hürden für „female founders“?
Gründerinnen haben es nach wie vor schwerer, Risikokapital zu bekommen, als Gründer. Jungs investieren lieber in Jungs, die denken wie sie selbst, heißen wie sie selbst, aussehen wie sie selbst, gründen wie sie selbst. In der Verhaltensökonomie nennt man das Ähnlichkeitsbias. Das ist ärgerlich, aber auch ein bisschen dumm. Diverse Gründungsteams sind nachweislich erfolgreicher. Bei WHERA sind wir sehr bewusst auf Investorinnen zugegangen. Die haben sofort verstanden: Die Kaufkraft von Frauen ist gesellschaftlich ein gigantischer Hebel. Und sie ist zudem ein gigantischer Markt, den die Männer in Banken und Fintechs bisher komplett übersehen haben.
Zusammenfassung in einfacher Sprache
Anna Kaiser ist eine erfahrene Unternehmerin und Gründerin. Mit ihrem neuen Unternehmen WHERA möchte sie frauengeführte Unternehmen sichtbarer machen und Frauen finanziell stärken. WHERA verbindet Kund*innen mit Unternehmen, die von Frauen gegründet oder geführt werden. Gleichzeitig sollen Frauen durch Rabatte und Cashback beim Vermögensaufbau unterstützt werden. Anna Kaiser möchte damit die finanzielle Gleichstellung von Frauen fördern. Sie ermutigt junge Frauen außerdem, eigene Unternehmen zu gründen. Ihr Tipp: gute Ideen ausprobieren, moderne Technologien wie KI nutzen und nicht zu schnell aufgeben. Mehr Frauen als Gründerinnen können dazu beitragen, die wirtschaftliche Lücke zwischen Frauen und Männern zu verkleinern.