Garage war gestern
Ein Rückblick auf zehn Jahre Innovation, Start‑ups und Wissenstransfer im Science Park Kassel
Beitrag von Corinna Kondermann
Der Science Park Kassel auf dem Campus der Hochschule ist mehr als nur ein Ort für Innovation – er ist ein lebendiges Symbol für die enge Zusammenarbeit zwischen Universität und Stadt Kassel sowie für eine lebendige Kultur des Wissens- und Technologietransfers. Er steht auch für die erfolgreiche Tradition der Gründungskultur an der Hochschule, die mit mehr als 500 Ausgründungen nachhaltig zur wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Entwicklung der Region beiträgt. Bereits im Jahr 2013 wurde die Hochschule für ihre herausragende Unterstützung von Start-ups und Gründungen vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie als „Gründungshochschule“ ausgezeichnet – eine der erfolgreichsten deutschen Universitäten in diesem Bereich.
Dieses fruchtbare Umfeld für Innovationen wurde maßgeblich durch den damaligen Präsidenten Prof. Dr. Rolf-Dieter Postlep geprägt, der gemeinsam mit dem damaligen Stadtkämmerer Dr. Jürgen Barthel den Grundstein für ein zukunftsweisendes Gründungs- und Innovationszentrum legte. Zusätzlich inspiriert wurde diese Initiative durch eine Dienstreise Barthels nach Brüssel, bei der die Aussicht auf erhebliche Fördermittel der Europäischen Kommission für die Transformation von Wissen in wirtschaftlichen Erfolg motivierte.
Bei diesem Wissenstransfer sollte ein besonderes Augenmerk auf die Umwandlung und Weiterverwendung von alten industriellen Flächen gelegt werden. Ein gemeinsames Essen mit Postlep und viele Gespräche folgten, bis im Februar 2010 auf dem ehemaligen Gelände der Firma Gottschalk die Transformation begann: Der Schornstein fiel, Industrieanlagen verschwanden – denn hier sollte auf 70.000 Quadratmetern Platz für den neuen Campus Nord der Universität Kassel geschaffen werden und so auch das Zuhause unseres Science Park Kassel, der damals noch Science Park Center genannt wurde, entstehen. Im folgenden Jahr wurden über 1.250 Tonnen Bauschutt und sämtliche Altlasten entsorgt.
Der Science Park nahm Form an: Das Architekturbüro Birk Heilmeyer und Frenzel Architekten überzeugte im Architekturwettbewerb um den Entwurf des Gebäudes mit dem ikonischen Brezel-Design. Die Finanzierung des rund 15,6 Millionen Euro teuren Neubaus stemmten das Land Hessen (davon ca. 7,9 Mio. Euro aus EFRE-Mitteln), die Stadt Kassel (7,0 Mio. Euro), die Universität Kassel (0,5 Mio. Euro) und die Science Park Kassel GmbH. Noch heute sind Stadt und Universität unsere Gesellschafter – ein Fundament, auf das wir stolz sind.
Die Anbindung an die Universität Kassel war von Beginn an ein zentrales Element. Im Science Park sind unter anderem UniKassel-Transfer sowie die Management School UNIKIMS angesiedelt. Viele der ansässigen Unternehmen arbeiten mit Lehrstühlen der Universität zusammen oder beschäftigen Studierende und Absolventinnen und Absolventen. Ziel ist es, den Wissens- und Technologietransfer in beide Richtungen zu ermöglichen. Dr. Oliver Fromm, Kanzler der Universität Kassel und ehemaliger Geschäftsführer des Zentrums, sagte damals dazu: „Es ist der Ort, in dem Forschungsergebnisse zur Anwendung kommen.“
Aufbruchsstimmung ab dem ersten Spatenstich
Schon 2013 interessierten sich potenzielle Mieter für die Hälfte der Büroflächen – doch es ging nie um schnelles Wachstum, sondern um die passenden Gründenden, wie Fromm im April 2013 im Interview mit der HNA betonte.
Im gleichen Monat war es dann so weit – mit über 100 Gästen aus Politik, Universität, Wirtschaft und der Gründungsszene wurde der Grundstein gelegt. Prof. Rolf-Dieter Postlep sagte zu der Zeit in einem HNA-Artikel:
„Das Zentrum wird das Profil der Universität Kassel, die gerade zur Gründungsuniversität ernannt wurde, weiter schärfen.“
Nur fünf Monate später – am 25. September – feierten wir Richtfest. Architekt Stephan Birk führte die ersten Gründenden durch den Rohbau – darunter Johannes Jacop von Yatta, die noch heute als Ankermieter im Haus sind. „Das wird der Hot-Spot für innovative und wachstumsstarke Gründungsunternehmen“, sagte der Gründer damals. „Inzwischen ist der Science Park Kassel darüber hinaus auch ein Ort der Begegnungen zwischen Wissenschaft und Wirtschaft, zwischen Start-ups und Scale-ups, zwischen etablierten und jungen Unternehmen geworden“, führt er heute aus.
Das Unternehmen war neben den Firmen enercast und eoda an der Konzeptionsphase des Zentrums beteiligt, bereits bevor sie sich entschlossen Mieter zu werden. So konnten sich die ersten Science Park-Teams aktiv in die Gestaltung einbringen.
Infrastruktur für wissensbasierte Gründungen
Im März 2015 war es dann so weit und die ersten 20 Start-ups zogen ein. Auf rund 6.000 m² bieten wir bis heute flexible Büros, vier Ateliers, eine Werkhalle, Veranstaltungsflächen wie das Idea Lab und den Tagungsbereich sowie die öffentlich zugängliche Forschungskantine, die zu dieser Zeit noch die Science Lounge war.
Im Mai 2015 folgte die feierliche Eröffnung mit 500 Gästen – darunter Hessens damaliger Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir. Dieser unterstrich in seiner Rede die Rolle von Hochschulgründungen für hochwertige Arbeitsplätze und gesellschaftlichen Fortschritt.
Von der Architektur bis zum Betriebskonzept ist der Science Park darauf ausgelegt, eine funktionale Umgebung für Gründungen und junge Unternehmen zu bieten. Ein zentrales Anliegen war dabei von Anfang an, nicht nur Flächen zu vermieten, sondern eine Infrastruktur und ein Netzwerk bereitzustellen, das Start-ups in den ersten Jahren begleitet. Die Nähe zur Universität, Beratungsangebote, Veranstaltungsformate und Unterstützung oder Vermittlung von Kontakten bei konkreten Fragen bilden die Basis dieses Angebots. Dazu gehören u. a. Fördersprechstunden, diverse Workshopformate und Mentoring unserer Coaches Stefan Rötzel und Katja Walther sowie Beteiligungen an landesweiten Programmen wie z.B. „Hessen Ideen“.
Bereits zu Beginn lag die Auslastung bei etwa 60 Prozent, im Dezember 2024 freuen wir uns über eine Auslastung von 92,4 Prozent. Aktuell arbeiten rund 400 Menschen in über 50 Unternehmen im Haus. Seit der Eröffnung haben über 100 Start-ups ihren unternehmerischen Weg im Science Park begonnen.
Erfolge, die Wirkung zeigen
In den vergangenen zehn Jahren durften wir zahlreiche Erfolgsgeschichten unserer Community feiern. Viele der jungen Unternehmen haben sich am Markt etabliert, wurden prämiert und konnten internationale Partner gewinnen oder ihre Technologien und Dienstleistungen weit über die Region hinaus bekannt machen. Unsere Start-ups haben Eindruck gemacht:
„Mehrere Teams aus dem Science Park waren in der ‚Höhle der Löwen‘. […] Sechs Teams absolvierten Stationen bei den German Accelerators in den USA und Asien – häufig mit dem erfolgreichen Markteintritt als Folge“, berichtet Dr. Gerold Kreuter, ehemaliger Geschäftsführer des Science Parks.
Weitere Beispiele wie Fuchs & Habicht – ausgezeichnet unter anderem mit dem German Design Award Gold – oder das Animationsstudio Raumkapsel, dessen Produktionen bei renommierten Festivals wie der Berlinale, in Annecy oder in Cannes gezeigt wurden, stehen exemplarisch für das kreative Potenzial am Standort.
Zahlreiche Unternehmen, darunter Yatta, eoda, enercast, vencortex oder HydroNeo, nahmen an internationalen Förderprogrammen wie dem German Accelerator teil und kooperieren mit Konzernen wie Bosch, Viessmann, Microsoft oder VW. Über weitere Beispiele, wie zum Beispiel die fino group, IKS und twop media könnt ihr in den Ausgaben des Science Park Magazins mehr lesen.
Neben technologischem Fortschritt zeigen viele der Start‑ups auch gesellschaftliches und ökologisches Engagement. Veli machen mit ihrem smarten Notruf den Haushalt zum Beschützer. Prosumergy realisierte deutschlandweit Projekte im Bereich Mieterstrom.
Elif Ozan fördert mit ihren Produkten und Angeboten kulturelle Bildung und gesellschaftlichen Dialog. Und Bli Bla Blub – der inklusive Kinderbuchverlag und Alumni unseres CoCreationLabs – verlegt Kinderbücher, die Diversität feiern. Und dies sind nur ein paar Beispiele.
Die Erfolge der Start-ups machen deutlich, welche Entwicklungsperspektiven ein gut angebundener Standort mit entsprechender Infrastruktur und Netzwerkzugang bieten kann. Sie sind zugleich ein sichtbarer Ausdruck für das Zusammenspiel von Wissenschaft, Wirtschaft und Unternehmergeist, welcher bei uns und in unserer Community seit 2015 aktiv gelebt wird.
Ein Ort, der mitwächst
Die Bedeutung des Standorts spiegelt sich auch in den Rückmeldungen der Nutzenden wider. Viele Start-ups betonen den Wert des Netzwerkes, die schnelle Erweiterbarkeit der Räume und die Offenheit innerhalb der Community. So beschreibt etwa Florian Christ, CEO der fino group, den Standort als idealen Ausgangspunkt: „Wir haben in den ersten Jahren nahezu jedes Quartal neue Räume belegt.“ Sein Unternehmen wuchs in den vergangenen Jahren von 3 auf über 100 Mitarbeitende und er wurde in der Serie „Deutschland, deine Unternehmer“ auf Amazon Prime porträtiert. Henning Happel von K.E.S. Technik, die bis 2025 im Science Park waren, unterstreicht diese Aussage: „In den Science Park zu ziehen war definitiv die richtige Entscheidung. Die Möglichkeiten, wie wir uns weiterentwickeln konnten, waren super. Angefangen haben wir mit zwei Büros, danach konnten wir uns flexibel vergrößern und besetzten zuletzt fast den ganzen Gang. Wir schätzen vor allem die ungezwungene Atmosphäre, dadurch dass hier Leute aus verschiedensten Bereichen ansässig sind“.
Auch Unternehmen wie Stay Awesome, STRAFFR, retoflow oder Revolute berichten von engen Verbindungen zur Universität, praxisnaher Unterstüzung in der Startphase und dem Nutzen des gegenseitigen Austauschs. Die Nähe zur Lehre, ein flexibles Umfeld und gemeinsame Veranstaltungsformate mit anderen Gründenden und Akteur*innen der Region sind häufig genannte Argumente für den Standort.
„Natürlich geht es beim Science Park nicht nur um Unternehmen, sondern gerade auch um Menschen“, meint Anja Flörke, die als Prokuristin den Betrieb des Hauses verantwortet. „Hier mit unseren Services ein Umfeld zu schaffen, wo alle gerne zur Arbeit kommen – das spornt unser ganzes Team jeden Tag aufs Neue an.“
Treffpunkt der Gründungsszene
Heute sind wir ein etablierter Veranstaltungsort für Wirtschaft, Wissenschaft und Verwaltung. Seit 2023 sind wir zudem durch das Kassel Convention Network in der regionalen Tagungslandschaft fest verankert.
„Der Science Park hat überragende Bedeutung für die Gründungsszene Kassel, ist mit den coolen, innovativen Raumkonzepten aber auch ein wichtiger Standort unserer Veranstaltungsbranche. Wir freuen uns, dass der Science Park Teil des Kassel Convention Networks ist […].“, so Anke Müller vom Kassel Convention Bureau, Kassel Marketing GmbH.
Es gab seit Eröffnung zahlreiche erfolgreiche Veranstaltungen wie das „Innovationsfrühstück Nordhessen“, „MINT im Park“, den First Tuesday, die Failnight, der Preisverleihung des UNIKAT Ideenwettbewerbs sowie den „Crowdfunding Contest: sozial ist sexy“, das große Sommerfest 2023 oder die monatliche „Start-up Lounge“ (ehemals Gründungsstammtisch). Die Events bringen unterschiedliche Zielgruppen zusammen und machen den Science Park zum Treffpunkt der Gründungsszene. Neue Projekte wie die Partnerschaft mit der Initiative AI Startup Rising, die Beteiligung am Genesis-Akzelerator vom House of Energy e.V. oder Kooperationen mit regionalen Akteuren wie der Wirtschaftsförderung Region Kassel, dem VDI, dem Starthub Hessen oder der WIBank zeigen, dass der Science Park auch als Plattform für sektorübergreifende Zusammenarbeit fungiert.
Zudem eröffneten wir 2021 das CoCreationLab, ein Unterstützungsangebot für Teams in der Ideenphase. Hier durften wir bisher insgesamt 20 Teams begleiten. Manche Ideen sind gewachsen und mittlerweile zu echten Start-ups geworden, andere durften verworfen oder neu gedacht werden.
Im Jahr 2023 wurde mit Elif Ozan der 100. Mietvertrag geschlossen. Und auch 2025 ist die Nachfrage hoch und es gab bereits neun Neueinzüge. Veranstaltungen, Workshops und neue Förderangebote bestimmen zudem das laufende Jahr.
Blick in die Zukunft
Zehn Jahre nach der Eröffnung zeigt sich: Der Science Park Kassel hat sich als lebendiger Ort für Innovation, Gründung und Wissenstransfer fest etabliert. Zum Jubiläum haben wir mit der Inbetriebnahme einer Photovoltaikanlage einen wichtigen Schritt Richtung Klimaneutralität gemacht. Auch mit der Einrichtung eines abschließbaren Fahrradraumes mit Lademöglichkeiten für E-Bikes, der von der enercast GmbH gesponsert wird, wird seit diesem Jahr die nachhaltige Anreise der Menschen im Science Park gefördert.
Die Infrastruktur des Science Parks wird intensiv genutzt, das Angebot stetig weiterentwickelt und die Vernetzung regional wie überregional gestärkt. Wir sind stolz heute zu den wichtigsten Start-up Standorten in Hessen zu gehören und auch über Hessens Grenzen hinweg zu wirken.
Die positive Entwicklung der vergangenen Jahre ist Ansporn, das Zentrum stetig weiterzuentwickeln. „Wir werden auch in Zukunft dafür sorgen, dass junge Unternehmen hier nicht nur Arbeitsräume, sondern ein inspirierendes Ökosystem mit echten Entwicklungsperspektiven finden“, so Geschäftsführer Kai Lorenz Wittrock. Geschäfsführer Jörg Froharth ergänzt: „Unser Ziel ist es, den Science Park noch stärker als Plattform für einen gelebten Wissenstransfer zwischen der Universität Kassel und der nordhessischen Wirtschaft zu positionieren“. Gesellschafter und Geschäftsführung des Science Park sind sich einig: Die Hauptaufgabe des Science Park bleibt es, möglichst viele innovative Start-ups nachhaltig zu unterstützen, eben „Ideen erfolgreich zu machen!“.